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TV + Musik

Kino-Elend

Ein Selbstversuch in sieben Stufen

 

Zeichnung Stadt bei Nacht mit Schriftzug "nonight"Eigentlich gehe ich ja furchtbar gern ins Kino. Eigentlich. Wenn da nicht... aber von vorne: Ich hatte mir überlegt, beim nächsten Kinobesuch wollte ich nicht nicht einfach nur reingehen, den Film gucken, „boah" sagen und das war’s, sondern mal sehr bewusst auf Qualität achten. Nicht, was den Film betrifft, nein, das Kino war’s, worauf es mir ankam, und zwar eins von den richtig großen, ein "Multiplex-Kino". Ambiente, Service, das ganze Drumherum, sowas eben. Kinobesuch mit hochempfindlichen Sensoren, sozusagen. Dann aber auch mit System: Kino beginnt ja nicht erst im Kino...



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 1"Die Vorbestellung
Ist immer besser, sich was Gutes im Voraus zu sichern. Gut, die Vorlieben sind verschieden: Die einen schwören auf die ersten paar Reihen oder zumindest relativ nah dran („böllert gut", „geht voll rein" usw.), andere wiederum haben lieber den Überblick von „mehr so hinten". Oder wollen in der allerletzten Reihe sitzen, weil es ihnen gar nicht um den Film geht... Aber ich wollte allein ins Kino, um das gleich klarzustellen. Ich persönlich bevorzuge ja das Modell „Mitte/Mitte", also etwa mittlere Höhe und davon dann die Mitte. Geht eigentlich irgendwer gerne an den Rand? Ach ja, vielleicht die, die gerne schnell abhauen können wollen. Will ich aber nicht, also versuche ich, entsprechende Karten zu kriegen. Rasch die Vorbestellungshotline gesucht, gefunden und angerufen. Eine freundliche Stimme hört mir nicht zu, sondern erklärt mir, welche Tasten ich drücken soll. Ein automatischer Bestellservice vom Band also! Na gut, denke ich mir, kann man ja mal probieren, ich bin nur gespannt, wie ich da ganz bestimmte Plätze ordern kann. Nummer soundso für den Film, Nummer soundso für Tag und Uhrzeit... irgendwann wird mir klar, dass ich hier zwar Karten, aber eben nicht Plätze vorbestellen kann. Keine Ahnung, wo ich dann lande, vielleicht irgendwo im Fußraum oder auf einem Klappstuhl, also lasse ich das lieber und versuche eine andere Nummer. Das ist dann auch live und somit besser, und der Code „Mitte/Mitte" wird sogar verstanden.
Zeichnung Skelett mit TelefonHinterher schießt mir allerdings durch den Kopf, dass man das auch für ein Stottern gehalten haben könnte, aber nichts sagen wollte, denn das wäre ja dann unhöflich gewesen. Ist ja auch blöd: „Wollen Sie Mitte/Mitte oder haben Sie nur einen Sprachfehler?". Kommt nicht gut, aber für mich ist es ein wenig spannender geworden: Werde ich in der Mitte der ersten oder am Rand einer mittleren Reihe sitzen?



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 2"Das Foyer
Kalte Luft nimmt mich in sich auf. Sehr kalte Luft. Habe ich etwa Atemwolken vor dem Mund? Die haben bestimmt eine Klimaanlage, und die schafft auch richtig was weg. Aber ich will mich gar nicht beschweren, denn ohne die Anlage würde man unter all den Menschen (heute scheint "Sonderangebote-Tag" oder sowas zu sein ...) wohl gemütlich vor sich hin dünsten. Natürlich musste ich wegen der Vorbestellung eine Dreiviertelstunde vor Vorstellungsbeginn (oder eher: Werbebeginn) hier eintrudeln. Ich hole mir die Karte, finde neun Euro eigentlich gar nicht mal so billig und sehe mich erstmal um. Wie gesagt: Hochempfindliche Sensoren! Sind eigentlich nur Kassen hier unten, die ganzen Snackstände und Getränkebars müssen woanders sein. Die Kinos auch, aber wo? Über den Kassen sind Monitore, die jeweils ständig wechselnd Filmhinweise sowie die Zahl der noch freien Plätze zeigen. Ist an sich ja praktisch, aber warum müssen diese Anzeigen andauernd wechseln? Damit sich da irgendwas bewegt, oder was? Nach einigen vergeblichen Versuchen des Hin-und-Her-Irrens zwischen den Monitoren schaffe ich es, mit einer Art „Breitwand-Blick" mehrere auf einmal zu beobachten, und dann ist irgendwann auch mein Film darunter.
Zeichnung Brille mit drei BrillengläsernDas scheint eine subtile Sehschule für die „Vordere-Reihe-Sitzer" zu sein... und jetzt? Na, erstmal `n Kaffee, also ab nach oben!



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 3"Das Café
Fast hätte ich mich verlaufen. Das wär’s gewesen: Ich, herumirrend in den unendlichen Weiten des Multiplex-Kinos, kein Übersichtsplan weit und breit, und irgendwann der mitleidige Blick des Mitarbeiters, der mir den Weg zum Café erklärt. Aber ganz so weit kommt es nicht, und mit etwas Stolz setze ich mich an einen der Tische in mittlerweile schon nicht mehr so ganz moderner Stahl-Eisdielen-Ästhetik. Auf dem Boden sind überall Zigarettenkippen verstreut, die Aschenbecher hingegen von erlesen unberührter Frische. Ich habe immer noch eine halbe Stunde Zeit, na dann... Der Kellner ist ausgesucht freundlich, einmal hat er mich sogar angesehen!
Zeichnung Fragezeichen über Anzug und KravatteWährend ich warte, schweift mein Blick über die Hinweise auf bald anlaufende Filme. Man müsste eher sagen: Filmhinweis-Installationen, und es ist schon beeindruckend, was sich aus etwas Draht und ein paar eingeweichten Klorollen so alles basteln lässt. Als der Kaffee kommt, zahle ich lieber sofort - wer weiß, wann ich wieder Gelegenheit dazu haben werde - und erhole mich eigentlich recht schnell vom Preis auf dem Zettelchen, das mir kommentarlos vorgelegt wird. Was hätte er auch sagen sollen? Vielleicht „Hier, viel Spaß damit!"? „Tut mir leid"? Oder: „Sieh es dir genau an, Bursche!"? Genau das tue ich jedenfalls ungläubig, noch während ich mich entferne.



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 4"Die „Snackeria"
Die kalte Luft von eben ist deutlich wärmer geworden. Und sie ist voll: Mit Popcorn. Ich persönlich mag den Geruch ja, aber ich kenne Leute, denen regelrecht schlecht davon wird, ehrlich. Fast wie eine Allergie, aber vielleicht ist das auch eher psychisch, weil da ja etwas aufplatzt oder so. Wenn man so veranlagt ist und dann jemanden mit einer Megatüte im Kino neben sich sitzen hat, kann das böse ausgehen. Hier am Snack-Stand ist die spezifische Popcorn-Dichte der Luft natürlich am intensivsten. Ich verzichte heute mal aufs Popcorn (sonst wird noch jemandem neben mir schlecht), nehme aber eine Cola und zwei Schokoriegel. Die Cola gibt es klein und groß - also halber oder ganzer Liter. Diese eigenwillige Dimensionierung macht mich neugierig: Ob die Schokoriegel die Größe von Brotlaiben haben werden? Fast enttäuscht von den handelsüblichen Standardriegeln muss ich angesichts des Preises, den mir der gelangweilte Verkäufer mit dem lustigen Pappkäppi auf dem Kopf nennt, amüsiert grinsen: Sechs Euro - er hat sich zweifellos vertan und mir den D-Mark-Preis genannt! Ja ja, meine ich mitfühlend-freundlich, passiert uns halt allen immer noch, nicht wahr? Das Pappkäppi schaut noch eine Spur gelangweilter als zuvor und wiederholt den Preis mit unüberhörbarer Betonung auf dem „Euro". Was jetzt? Wie komme ich da wieder raus?
Zeichnung Figur verkauft Snacks und GetränkeDie Sachen stehen lassen? So tun, als wäre nichts gewesen und morgen einen Nebenjob suchen? Obwohl ein sofortiger Verzicht natürlich das Richtige gewesen wäre, zahle ich zähneknirschend und nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit zu fragen, ob man wohl seine eigenen Getränke mitbringen darf. Mach ich wahrscheinlich eh nicht, aber ich glaube, ich kenne die Antwort schon - wer will schon auf ein Monopol verzichten, das solche Preise möglich macht, ohne dass sich irgendwer daran zu stören scheint? Durch den Strohhalm sauge ich vorsichtig einen ersten Schluck des soeben erworbenen flüssigen Goldes und schlurfe deprimiert zum Kinosaal.



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 5"Der Kinosaal
Da fällt mir doch auf: Ich hatte noch gar nicht nachgesehen, was für einen Platz ich denn nun überhaupt habe! Ich versuche, angesichts der zum Teil abgefallenen oder kaum erkennbaren Beschriftungen den Richtigen zu finden, was nicht ganz einfach ist. Durch logisches Folgern der noch erhaltenen Nummernschilder gelingt es mir schließlich, und immerhin: Er ist am Rand der mittleren Reihe und ich habe also aus Sicht der Frau an der Telefonannahme einen Sprachfehler. Für so einen Platz hätte ich vermutlich noch haufenweise Karten an der Abendkasse haben können, ohne eine halbe Stunde in diesem Café zu verbringen. Das Dumme ist jetzt nur, dass dort schon jemand sitzt. Ich suche den Fehler natürlich erstmal bei mir, prüfe noch mal die Nummern der Sitzreihen sowie die auf meiner Karte. Alles richtig, also muss ich jetzt auch noch um meinen eher schlechten Platz kämpfen! Aber der Typ scheint schon damit gerechnet zu haben, denn kaum dass ich zu ihm gehe, den Mund öffne und dabei meine Karte zeige, steht er auch schon auf. Na dann...

Hier drin ist es jetzt wieder ziemlich kalt. Vielleicht steckt da ja so eine Art Gesundheitstheorie dahinter wie beim Saunen - Wechselbäder gegen Erkältung! Gegen diese Theorie steht allerdings der Durchzug, den man ständig verspürt. Na egal, lass’ ich die Jacke halt an. Habe ich vielleicht noch eine Mütze irgendwo? Irgendwann setzen sich zwei neben mich. Wie gesagt, Popcorn macht mir nichts aus, aber das, was der eine von den beiden da bei sich hat, schon: Einige undefinierbare Klumpen in einer Art Sauce, deren Aroma mir schier den Atem raubt. Warum ist das immer so? Warum sitzt immer jemand hinter einem mit einer Chipstüte, die in der Lautstärke eines Mittelstreckenbombers raschelt?
Zeichnung Kopf einer Figur mit GasmaskeWarum hat immer einer Husten? Warum zieht daneben dauernd einer die Schuhe aus und besiegt damit sogar die Sauce von dem Typen neben mir? Gut, da kann das Kino nun wirklich nichts dafür; sie verkaufen zwar die raschelnden Chips, aber bestimmt keine Socken. Ist eher sowas wie „Murphys Gesetz" oder einfach Schicksal oder so. Ich hadere mit meinem Leid, bis mich das verlöschende Licht in die tröstende Dunkelheit entlässt...



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 6"Die Vorstellung
Ich habe gehört, früher gab es so richtige Vorfilme, logischerweise vor dem Film, wie der Name schon sagt. So kleine Kurzfilme oder mal ein Zeichentrick oder sowas. Gibt’s ja vielleicht heute auch noch in manchen Kinos, aber hier jedenfalls erstmal nicht. Na ja, dafür halt ganz viele kleine, die man wohlwollend mit „Verbraucherinformationen" umschreiben könnte. Wenn man bedenkt, was das Ticket gekostet hat, dann müssen es die Kinos schon echt nötig haben, auch noch so endlos viel Werbung zu machen. Nach etwa 20 Minuten frage ich mich, ob das wohl noch lange so geht. Andere waren schlauer als ich und trudeln jetzt erst ein. Allerdings mussten die dafür auch viel länger im Café sitzen und noch was bestellen!


Zeichnung zwei Personen, sehr verschwommenDie leichte Unschärfe des Bildes sowie die Tatsache, dass das ganze etwas nach unten verschoben ist, stören mich momentan nur ein bisschen: Ist ja nur die Werbung, und ganz bestimmt kümmert sich einer drum und dann erstrahlt alles in bestechender Schärfe und exakter Leinwandausrichtung! In so einem professionellen Riesenladen sieht ja schon alles so aus, als ob technisch gesehen nichts schief gehen könnte. Megaorganisation, „Think Big" und so, und dann der Hauptfilm unscharf und verschoben? Absurd, sage ich! Hoppla, da geht das Licht auch schon wieder an, denn das war gerade die Eisreklame. „Möchte jemand Eis?" Auch so ein seltsames Phänomen: Warum gerade Eis? Das kriegt man an den Snackständen draußen im Gang doch genau so gut wie alles andere! Warum trägt keiner Chips, Erdnüsse oder Schokoriegel in der Größe von Brotlaiben in seinem Bauchladen vor sich her? Oder irgendwas anderes; vielleicht: „Fehlt noch jemandem ein Liter Cola? Möchte jemand frische Socken?". Aber nein, immer ist es nur Eis, von dem sie immer viel zu viel zu haben scheinen - was aber natürlich nicht bedeutet, dass es deswegen besonders günstig angeboten würde. Während noch die letzten Eis kaufen, als ob es danach keins mehr gäbe, wird das Licht wieder gedämmt. Das geschieht hier sogar sozusagen per Hand: Da steht einer (ist das nicht der Eisverkäufer von vorhin?) und bedient Knöpfe an einer Schalttafel, die plötzlich in der Wand aufgetaucht ist. Ob er wohl vorher rufen musste „Computer: Schalttafel generieren!"? Ich habe nichts gehört. Was mich an dieser manuellen Handlung beruhigt, ist der Umstand, dass er ja von da aus bestimmt auch die Bildqualität beeinflussen kann. Ich erkenne: Er ist das, was man früher „Filmvorführer" nannte! Er kümmert sich! Er wird alles gut machen! Welche Freude! Ha, jetzt kann’s losgehen, alle bisherigen Widrigkeiten sind vergessen; wer wird schon so kleinlich sein wegen der paar Euro im Vorfeld, man muss schon sagen, es gibt doch nichts Schöneres als Kino, nicht wahr, und wie kompetent er wirkt da an seiner Schalttafel, also ehrlich, Respekt, hätte ich so nicht gekonnt, erstmal noch’n Schluck Cola und sich dann gemütlich im Sitz zurücksinken lassen: Kinotime!

Als der Film beginnt, fehlt davon unten ein Stück und das Bild ist nicht ganz scharf. Ich schaue in der Gewissheit, dass er gerade dabei ist, mit einer lässigen Handbewegung am Drehregler alles zu beheben, zum Filmvorführer hinüber. Die Stelle ist leer, die Schalttafel verschwunden (ich bin mir eigentlich sicher, dass niemand „Computer: Schalttafel entfernen!" gerufen hat). Zurück zur Leinwand: Das Bild ist unverändert. Zum wievielten Mal an diesem Abend fühle ich jetzt eigentlich schon diese Mischung aus Machtlosigkeit und Verzweiflung? Ich glaube wirklich, das ist Hass, der da in mir aufsteigt. Wie der schon da stand mit seinem Käppi an seiner albernen Schalttafel! Aber irgendjemand muss etwas tun, warum steht denn niemand auf und geht raus, um Bescheid zu sagen? Sollte ich? Nach etwa 8 Minuten ist immer noch nichts passiert, und jetzt murren tatsächlich auch schon einige andere, aber niemand scheint rauszugehen. Ich bin noch hin- und hergerissen, doch der Liter Cola nimmt mir die Entscheidung ab; ich muss sowieso aufstehen... „Entschuldigen Sie, aber da ist mit dem Bild was nicht in Ordnung", höre ich mich murmeln. Er nickt und geht rein, ich gehe weiter und verlaufe mich auf der Suche nach einer Toilette. Unterdessen frage ich mich noch, warum ich eigentlich so höflich war. Habe ich wirklich „Entschuldigen Sie" gesagt? Ja, sollte mir schon echt leid tun, dass ich das miese Bild nicht einfach so ertrage...
Piktogramm Figuren vor LeinwandAls ich schließlich in den Kinosaal zurückkehre, ist die erste Viertelstunde des Films vorbei, das Bild ist jetzt aber gerade gerückt und beinahe scharf. Seufzend öffne ich einen Schokoriegel. Ob ich noch was zu trinken holen sollte?



Zeichnung Klappbrett mit der Aufschrift "take 7"Wieder frei...
Der Film ging etwa zweieinhalb Stunden. Das muss man ihnen ja lassen, die Zeit der 90-Minuten-Movies ist so ziemlich vorbei, da kriegt man schon mehr geboten mittlerweile. Im Gang muss ich blinzeln, denn plötzlich ist es ziemlich hell, wenn man so aus dem Kinosaal kommt. Die Snackbuden sind schon geschlossen, der Popcorngeruch deutlich schwächer geworden. Überhaupt wirkt das ganze Foyer jetzt ziemlich verlassen. Hach, war ja schon nett, mal wieder im Kino gewesen zu sein, werde ich bestimmt bald mal wieder machen. Von der zweiten Cola muss ich rülpsen.

(C4U)

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Bisher 4 Beiträge, letzter Beitrag vom 05.07.2007, 16.58 Uhr
 
Stand: 06.04.2006 | Seite drucken | Seite empfehlen
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