Umfrage: Warum mögen Jugendliche "DSDS", "Germany’s Next Topmodel", "Popstars" oder "Die Super Nanny"? Ein Gastartikel von "Lizzynet".

- (Bild: Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF))
In einer von Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM) in Kooperation mit der Freien Universität Berlin, Arbeitsbereich Philosophie der Erziehung im Auftrag der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. im Frühjahr und Sommer 2009 durchgeführten Studie wollten Wissenschaftler nun mehr zur Nutzung, Funktion und Bedeutung der RealityTV-Formate für Kinder und Jugendliche herausbekommen. 698 NutzerInnen von Castingshows im Alter von 12 bis 17 Jahren und 601 im Alter zwischen 18 und 24 Jahren beantworteten die umfangreichen Fragen und gaben bereitwillig Auskunft über ihre Motivation. Bei den Fragen zu den Coachingsendungen machten 584 NutzerInnen im Alter von 12 bis 17 Jahren und 1.026 im Alter von 18 bis 24 Jahren mit. Auch viele Userinnen von LizzyNet beteiligten sich an dieser Umfrage. Deshalb wollen sie euch die ersten Ergebnisse nicht vorenthalten.

- Bild: qd / PIXELIO.DE
Diese wohl spannendste Frage, bei der es 16 Antwortmöglichkeiten gab, bietet interessante Antworten auf die Frage, warum Jugendliche sich überhaupt Castingsshows ansehen. Jugendschützer, die diese Sendungen immer wieder wegen menschenverachtender Szenen abmahnen, werden sich nun freuen, denn auf Platz 1 der angeklickten Antworten steht tatsächlich: "weil man sich über viele Kandidaten lustig machen kann" (69/70 %). Am zweithäufigsten wurde geantwortet, "weil ich die Sendungen lustig" finde, an dritter Stelle "um Langeweile zu überbrücken" und an vierter Stelle "weil ich wissen will, wer alles raus fliegt"; also wieder einmal: Motivation Schadenfreude?
Fest steht jedenfalls: als aufregende oder gar pädagogische wertvolle Abendbeschäftigung kann man die Sendungen weniger bezeichnen. "Spannend" fanden nämlich nur 43 % der Jugendlichen und lediglich 28 % der jungen Erwachsenen die Sendung. Erst an letzter Stelle findet sich die Antwort "weil ich aus ihnen [den Sendungen] etwas für mein Leben lernen kann".
Mädchen gucken anders als Jungs
Es gab übrigens nicht nur unterschiedliche Antworten, die durch die verschiedenen Altersgruppen bedingt waren, sondern auch durch das Geschlecht. Für Jungs ist offenbar das unterhaltsamste an diesen Sendungen die Schadenfreude; so steht im Ranking der 10 häufigsten Gründe für die Castingshownutzung bei Jungs das "sich über Kandidaten lustig machen" auf Platz 1 und "weil ich wissen will, wer alles rausfliegt" auf Platz 6. Jungs scheinen auch nicht wirklich großes Interesse an den Sendungen zu haben, denn am zweithäufigsten gaben sie an, dass sie sie eigentlich nur "um Langeweile zu überbrücken" anschauen (möglich ist natürlich auch, dass sie ihr Interesse nicht zugeben ;-)).
Mädchen fiebern offenbar eher mit den KandidatInnen, denn auf Platz 1 ihrer Antworten findet sich die Aussage "weil ich wissen will, wer gewinnt". Aber auch sie gaben sehr oft an, dass sie die Sendungen ansehen, "weil man sich über viele Kandidaten lustig machen kann" (Platz 3). Während die Jungs sich über den Rauswurf schlechter Kandidaten unverhohlen freuen (Platz 6) steht die Schadenfreude bei den Mädchen auf dem letzten Platz im 10er-Ranking. (Auch hier wissen wir natürlich nicht, ob Mädchen wirklich die mitfühlenderen Wesen sind, oder ob sie sich nur nicht trauen, fies zu sein ;-))
Viele denken, dass es der größte Traum von Jugendlichen sein müsse, bei einer Castingshow selbst als KandidatIn antreten zu dürfen. Auf die Frage "Kannst Du Dir vorstellen, auch als Kandidat bei einer Castingshow mitzumachen?" antworteten aber eher die 12 bis 17-Jährigen mit "Ja", die 18- bis 24-Jährigen waren dagegen zurückhaltender. Neugier ("weil das bestimmt lustig wäre", "weil ich gerne mitbekommen möchte, wie das ist") ist dabei die stärkste Motivation und liegt weit vor der Überzeugung vom eigenen Talent, Können oder Aussehen.
Die Angst, sich zu blamieren, weil man nicht genug kann, ist somit auch der Hauptgrund, sich gar nicht erst bei einer Castingshow zu bewerben. Weit über die Hälfte der befragten Jugendlichen gab an, dass sie sich nicht vorstellen können, als Kandidat bei einer Castingshow mitzumachen, weil sie sich nicht blamieren möchten oder weil es ihnen peinlich wäre. Das fehlende Talent, die Schüchternheit und der Mangel an Selbstbewusstsein wurden ebenfalls häufig genannt.
Die Jury: ungerecht oder in Ordnung?
Einen Stein des Anstoßes sehen GegnerInnen von Castingshows besonders häufig im Verhalten der Jury. Den Mitgliedern wird vorgeworfen, durch respektlose und menschenverachtende Sprüche Jugendliche öffentlich bloßzustellen und damit eine "desorientierende Wirkung auf Kinder auszuüben", so Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring von der Kommission für Jugendmedienschutz. In der Umfrage wurden nun die jungen ZuschauerInnen selbst um ihre Meinung gebeten. Auf die Frage "Wie findest Du die Art und Weise, wie die Jury von DSDS, GNT oder Popstars mit den Kandidaten umgeht?" antworteten aber nur 43-21 % der Befragten je nach Sendung und Alter mit "eher schlecht" bis "schlecht". Die Mehrheit steht also hinter den rauen Umgangsmethoden der Jurymitglieder. Allerdings bewerten Jungs und Befragte mit niedrigem Bildungsstatus die Umgangsweise besser als Mädchen und höher Gebildete, erläutert Daniel Hajok, einer der Studien-Leiter.
Beratungssendungen gegen Langeweile
Nicht nur Castingshows waren Gegenstand der Befragung - auch Ratgeber- und Beratungssendungen scheinen bei Jugendlichen und vor allem jungen Erwachsenen nicht unbeliebt zu sein. So war jedenfalls die Annahme, wobei die Umfrage ein ganz anderes Bild ergibt: die meisten - und zwar Jungen UND Mädchen - sehen sich diese Coachingsendungen nämlich nicht aus übermäßigem Interesse an, sondern "um Langeweile zu überbrücken" (70/73 %) oder "weil ich nichts Besseres zu tun habe" (58/56 %). Das Interesse an Problemen anderer Menschen oder an den Hilfsmöglichkeiten, die sich ihnen anbieten ist dagegen eher nachrangig (ca. 40 % gesamt). Schaut man sich das Antwort-Ranking getrennt nach Mädchen und Jungen an, ist der Hilfsaspekt aber für Mädchen durchaus wichtig: Auf Platz 3 der Antworten findet sich die Aussage: "... weil ich wissen will, wie den Hilfesuchenden geholfen wird".
Glücklicherweise spielt der bei Castingsshows so wichtige Aspekt der Schadenfreude oder des Sich-lustig-machens kaum eine Rolle bei Beratungssendungen. Die sind für Jugendliche deswegen interessanter, weil sie aus ihnen "etwas fürs eigene Leben lernen" können, sagten ca. 34 %.
"Persönliche Probleme gehören nicht in die Öffentlichkeit"
Sich selbst als Beratungsfall für so eine Sendung zur Verfügung zu stellen, das käme für eher weniger Jugendliche in Frage.
Grund 1: "weil persönliche Probleme nicht in die Öffentlichkeit gehören" (71%)
Grund 2: "weil ich nicht solche Probleme habe" (65/71 %)
Grund 3: "weil man seine Probleme nicht durch das Fernsehen lösen lassen soll" (58/66%) und
Grund 4: "weil es mir peinlich wäre" (52/55%).
Auch hier stellten die Forscher übrigens wieder Unterschiede zwischen Bildungsniveaus und Geschlechtern fest: eher niedriger Gebildete und Mädchen wählten häufiger Gründe, die FÜR die eigene Teilnahme sprechen, während höher Gebildete sich eher für die Gegenargumente entschieden. Allerdings gaben die Mädchen andere Gründe für ihren Teilnahmewunsch an: Nicht das Bekannt- oder Berühmtwerden steht an erster Stelle, sondern die Lösung ihres Problems ist ihnen wichtig. Weitere Informationen zur Studie findet ihr unter www.akjm.de
Was lesen die Forscher aus diesen Ergebnissen?
"Dass die Coachingformate im Jugendalltag nicht nur präsent, sondern auch nicht wenigen Jugendlichen wichtig sind (für die jüngeren Altersgruppen sind das insbesondere die Formate, die sich mit Jugend, Schule und Familie beschäftigen), die Berater als Auoritäten/Experten wahrgenommen werden und die Jugendlichen ihnen Vertrauen entgegen bringen und Glaubwürdigkeit zuschreiben." Das sind für Daniel Hajok sehr interessante Ergebnisse, die auch ein Hinweis darauf sein könnten, dass erlebte Mängel in der schulischen und familiären Erziehung durch die Nutzung dieser Sendungen aufgefangen werden.
Und was geschieht nun mit den Ergebnissen? "Die quantativen Ergebnisse aus dem ersten Untersuchungsschritt geben nur einen ersten Überblick", erklärt Hajok. In einem zweiten Untersuchungsschritt werden nun Interviews mit 9- bis 14-Jährigen geführt und ausgewählte Aspekte vertieft. Hier geht es dann um die Prozesse, die hinter der Nutzung von Castingshows und Coachingsendungen stehen. Eine spannende Frage wird dabei sein, inwieweit die Sendungen möglicherweise die Wertorientierungen von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Die Ergebnisse hierzu sollen dann auch für die pädagogische Praxis aufbereitet werden."
Die Ergebnisse im Einzelnen
Dieser Artikel von Rosi Stolz wurde uns von "Lizzynet", dem Internetmagazin für Mädchen und junge Frauen, zur Verfügung gestellt.



